Wie ich zum Schreiben kam


Categorie: Heimat

00. Germany

 Wie ich zum Schreiben kam

Bei meinen Eltern war es üblich, am Sonntagnachmittag mit dem Auto einen kleinen Ausflug in die nähere Umgebung zu
unternehmen. Wir fuhren dann meist über 's Land, durch Dörfer und Gemeinden, an kleine Seen zum Wandern oder auch
durch Wald und Flur, um Zeit in der Natur zu verbringen.

(Anmerkung: Früher wurde am Sonnabend - wie der Samstag im Berlin/Brandenburger Raum heute noch heißt - noch gearbeitet.
Erst 1967 wurde in der DDR die 5-Tage-Woche eingeführt. Meine Eltern behielten aber "ihren Sonntagsausflug" als schöne Tradition bei,
auch nachdem der
Samstag schon arbeitsfrei war.)

Auf jeden Fall freute ich mich immer schon darauf.
Lange dauerten diese Fahrten zwar nicht, meist nur 2 bis 3 Stunden - aber es gab meinen Eltern das Gefühl,
"mal etwas anderes " getan zu haben als nur zu arbeiten - zumindest dachte ich mir das als kleines Mädchen so - denn ich saß
immer auf dem Rücksitz und schaute interessiert aus dem Fenster.

An jenem Tag fuhren wir nicht über 's Land sondern hatten eine Route über verschiedene kleine Städtchen eingeschlagen.
Ich saß wie immer hinten und schaute hinaus.
Es gab Burgen und Stadttore, Stadtmauern und historische Häuser, Kirchen, Einkaufsstraßen und Plätze zum Verweilen.
Die Kinder spielten in der Sonne.
Irgendwann fiel mir auf, dass überall Fahnen hingen.
Ach ja, es war ja gerade erst der 8. Mai gewesen - der Tag der Befreiung, dachte ich.

(Anmerkung: der 8. Mai wurde in der DDR als "Tag der Befreiung vom Hitlerfaschismus" mit sehr großem Respekt für die vielen gefallenen
russischen Soldaten gefeiert. Es gab viele Kranzniederlegungen und Ehrenbezeugungen an "Grabmalen des unbekannten Soldaten")

Ich erinnerte mich also daran, dass wir in der Schule darüber gesprochen und sogar eine Schweigeminute eingelegt hatten.
Obwohl wir erst 8 und 9 Jahre alt waren, war das nicht weiter ungewöhnlich - wir kannten es schon von klein auf
vom Kindergarten (!) her.
Ich schaute weiter aus dem Fenster und begann irgendwann "mitzuzählen": so und so viele rote Arbeiterfahnen....
und so und so viele DDR-Fahnen....In mir gab es immer schon eine Leidenschaft, alles zu zählen, das machte ich immer
ganz automatisch....
....und da es irgendwann "zu viele Fahnen" wurden, schrieb ich mir die Zahlen in mein kleines Notizbüchlein, welches ich
eigentlich immer dabei hatte, falls ich eine Pflanze oder Blüte trocknen wollte oder mir ihren Namen notieren....

Später, als wir wieder zu Hause waren, malte ich noch ein paar Bilder von den Erlebnissen des Tages in dieses Notizbuch
und schrieb darunter:
"Das war heute ein schöner Tag!"

Es war kurz vor meinem 8. Geburtstag - der Grundstein für mein späteres Schreiben war gelegt!

Von nun an schrieb ich jeden Sonntag, wenn wir von unseren Ausflügen zurückkamen, unsere Erlebnisse auf,
am Anfang nur ein paar Sätze, später wurden Reiseberichte daraus. Ich sammelte Fotos und Postkarten,
klebte sie dazu und gestaltete ganze Alben.
Auf Familienfeiern wurde ich immer parodiert mit den Worten
"Ach, das war ja heute wieder ein schöner Tag!"
aber insgeheim freuten sich meine Eltern schon, dass jemand die "Familiengeschichte" dokumentierte.

Bis zum heutigen Tage hat sich meine Leidenschaft für's Schreiben, Fotografieren, Gestalten, Kreieren.....
nicht verändert....
...und so kann ich in diesem Jahr - im Mai - ein ganz besonderes Jubiläum feiern!

2019 04 02 Schreiberseele

**************************************************************************************************************************
Hier ein Beispiel - für mich ein ganz besonderer Tag, da es sich im Nachhinein als letztes Erlebnis
mit meiner Oma herausstellte:

2019 04 02 Schreiben Auszug Fahrt nach Schwerin


*******************************Angelika Seel, Venlo April 2019********************************