Auszug aus meiner Erzählung "Das glückliche Kind" - Nr. 2 Bloß nicht auffallen!


Categorie: Heimat

00. Germany

Auszug Nr. 2 aus „Das glückliche Kind“ – „Spaß haben in Kindergarten und Schule- aber bloß nicht auffallen!“

Im Schwimmbad war es sehr voll. Es war Ferienzeit, und so waren alle 3 Becken - das Kinder-, das Schwimmer- und das
Taucherbecken - mit lachenden und strampelnden Kindern überfüllt.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Willi und Alina Marie fanden, die im Schatten eines großen Baumes saß.
"Mutti, kommst du mit ins Wasser, mir ist so heiß!"
Marie und Alina wateten ins Kinderbecken. Sie konnten beide (noch) nicht schwimmen,
und so hüpften und planschten
sie wild umher.
"Hallo, Frau Seidel", rief auf einmal eine Stimme.
Marie drehte sich um und erkannte ihre Nachbarin Frau Schmidt. Frau Schmidt war die Leiterin des Kindergartens, den Alina
besuchte, und wohnte mit Seidels im gleichen Haus auf der gleichen Etage.
"Kommen Sie am Sonnabend zur Abschlussfeier?" fragte sie.
"Nein, mein Mann kommt mit Alina allein. Ich muss arbeiten."
"Ach, das ist aber schade", dröhnte Frau Schmidts laute Stimme.
Marie tat es auch leid, aber manche Termine konnte man einfach nicht verschieben. Sie arbeitete beim Rat des Kreises,
Abteilung Finanzen, und hatte sich gut in ihr Fachgebiet eingearbeitet. Ihr Chef wusste, auf sie war Verlass. Sie konnte ihn
auch am kommenden Sonnabend nicht im Stich lassen!
Sicher, in ihren Innern tat es ihr leid, nicht mit Alina zu ihrer Feier gehen zu können.
Wenn sie nur daran dachte, wie oft sie Alina abends um 18.00 Uhr als Letzte von der Kinderkrippe oder später vom
Kindergarten abgeholt hatte - wie oft hatte sie sich gewünscht, mehr Zeit für das Mädchen zu haben – aber Willis Gehalt
allein reichte zum Leben nicht aus.

"Freust du dich schon auf die Schule, Alina?" fragte Frau Schmidt weiter. "Du warst ja brav, da bekommst du bestimmt eine
große Schultüte."
Ja, Alina freute sich auf die Schule!
Sie hatte den Kindergarten nie so richtig gemocht.
Sie dachte an die langen Spaziergänge, bei denen man sich anfassen musste (man durfte niemals alleine gehen oder gar
„aus der Reihe tanzen“ oder eigene Ideen haben….), oder an den täglichen Mittagsschlaf, wobei Alina nie eingeschlafen war,
aber immer tapfer die Augen zugemacht hatte, aus Angst, man könne sie sonst für "unartig" halten…..!

Denn das hatte ihr Papi ihr gesagt, man solle immer artig sein und bloß nicht auffallen!!!
Nein, auffallen, das wollte Alina auf keinen Fall! Davor hatte sie richtig Angst….
Darum war sie lieber still für sich und spielte mit ihrer Puppe oder malte. Die anderen Kindergartenkinder konnten von ihr aus
laut schreien oder toben - für Alina war das nichts. Sie war das kleine, stille, ruhige Mädchen, lebte in ihrer „eigenen“ Welt….
und nur zu Hause "tobte" sie sich manchmal aus.

"Alina, du sagst ja gar nichts", fragte Frau Schmidt schon wieder.
Alina fuhr aus ihre Gedanken auf. Sie hatte gerade daran gedacht, wie sie Sonnabend für Sonnabend - wirklich in jeder Woche -
beim Mittagstisch im Kindergarten gesessen und die Letzte beim Essen gewesen war. "Schön aufessen", hatte Frau Schmidt
jedes Mal gesagt, und Alina hatte sich bald der Magen umgedreht, denn sie mochte keine Milchsuppe mit Mehlklunkern - ein
Leckerbissen, den Frau Schmidt immer jeden Sonnabend höchstpersönlich zubereitet hatte. :-((
"Ich freue mich", rief Alina, "ich freue mich sogar sehr!"
und sie machte einen großen Satz nach vorn und tauchte im Wasser unter.

Am Samstag ging Willi mit seiner Tochter zur Abschlussfeier im Kindergarten. Es war eine große alte Villa aus rotem Gestein,
an die sich zum Spielen ein Garten voller Obstbäume anschloss.
Die Tafel war festlich gedeckt. Alle Kinder hatten ihre Eltern neben sich. Die kleineren Gruppen führten ein Kulturprogramm auf.
" Hurra, ich bin ein Schulkind und nicht mehr klein ", ertönte es, und als Geschenk gab es eine selbstgebastelte Schultüte.
Alina wollte sich gerade ein Stück Kuchen nehmen, als ein Mädchen neben ihr sagte:
"Alina, wer ist das denn? Hast du deinen Opa mitgebracht?"
Alina schossen die Tränen in die Augen. Ihr liebster Papi war doch kein Opa! Nein, so alt war er doch nicht!
Willi versuchte, sie zu trösten. "Nimm es dir doch nicht so zu Herzen.“
Doch für Alina war die Stimmung vorbei. Sie saß den Rest des Nachmittags still da und hielt auf dem Nachhauseweg Willis Hand.

Hoffentlich war sie nicht unangenehm „aufgefallen“ war ihre große Sorge..........

"Ach, mein kleines Mäuschen", sagte Marie, als Willi ihr vom "Opa" erzählt hatte.
Sie streichelte ihr über die Wange und küsste sie auf die Stirn. Sie wusste, dass Alina ihren Papi über alles liebte.
Marie schaute ihren Mann liebevoll an. Er war 10 Jahre älter als sie und hatte blonde, fast weißblonde Haare.
Die ersten "Geheimratsecken" zeigten sich - besonders viele Haare hatte er noch nie gehabt, wodurch er wahrscheinlich
älter wirkte.
Marie hatte das noch nie gestört. Sie schaute zu ihrem Willi auf, er war so ganz anders - er war intelligent und diskutierte viel
mit ihr, hatte seine festen politischen Ansichten und setzte sich für Gerechtigkeit ein - und privat war er sehr liebevoll und tat
alles für seine Familie.
Ja, sie führten eine gute Ehe.
" Das ist wichtig im Leben, dass man sich so lieb hat, wie wir beide", hatten Willi und Marie oft zu Alina gesagt - und Alina träumte
davon, wenn sie einmal heiraten würde, müsste es ein Mann wie ihr Papi sein!


*****Fortsetzung folgt: "Das glückliche Kind - Auszug Nr. 3 Ein Bauernhof aus der Bodenreform"*****


Anmerkung: Achten Sie bitte auch auf die Wortwahl.
Ich habe bewusst die gleichen Worte benutzt wie sie „früher“ vor der Wende üblich waren….bzw. wie sie in meiner Heimat
benutzt wurden.
Der „Sonnabend“ statt „Samstag“ ist klar, das ist „Berlin/Brandenburgisch, und die „Milchsuppe mit Mehlklunkern“ kann man
getrost dem Ende der 1960er Jahre zuordnen…wo es so etwas noch zu essen gab….Auf diese Weise ist der Text „authentischer“….
Aber: Wer würde heute noch zu seinem Kind sagen, es sei „brav“ oder gar „unartig“….? !

Der "Knackpunkt" aber war "NICHT AUFFALLEN"! - damit wuchs man von Kindesbeinen an auf - denn:
nicht aufzufallen war (über)lebensnotwendig in der DDR!

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Der oben genannte Ausschnitt ist ein Teil aus meiner Erzählung "Die (fast) heile Welt" Teil 1 Das glückliche Kind
Alle Personen haben tatsächlich gelebt. Die Namen wurden von mir zum Schutz der Privatsphäre ausnahmslos geändert.

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