Auszug aus meiner Erzählung "Das glückliche Kind" - Nr. 4 Warum war es eine Ehre, ein Pionier zu sein?

Categorie: Heimat
00. Germany

„Schulalltag in der DDR“ oder „Warum war es eine Ehre, ein Pionier zu sein?“

……die 1960er Jahre…..
Endlich war Alina ein Schulkind!
Sie hatten die Einschulung gefeiert, wie wohl die meisten Schüler ihrer Klasse - mit Eltern und Großeltern an einer
festlichen Tafel und natürlich einer große Schultüte.


Zur Schule war es gar nicht weit - nur den Plattenweg entlang, vorbei an den Neubaublöcken, eine Straße überqueren - und
schon sah Alina das Schulgebäude. Sie konnte bequem zu Fuß gehen, in nur 10 bis 15 Minuten.
Es war kein großes altes Gemäuer, wie Alina sich immer die Schule vorgestellt hatte, sondern eine Baracke - ein flaches
Gebäude mit verschiedenen Räumen für den Unterricht, einer Küche zum Mittagessen und 2 Horträumen für die
Nachmittagsbetreuung.
Ihre Klassenlehrerin Frau Krämer war sehr nett. Sie rief alle 30 Kinder namentlich auf und erzählte dann, dass sie schon
einige Jahre Lehrerin sei, sie auch schon größere Kinder unterrichtet habe, sich aber nun freue, wieder eine erste Klasse
übernehmen und 4 Jahre lang als Klassenleiterin begleiten zu können.
"Ich werde bei euch Mathe und Deutsch unterrichten. Das sind pro Tag 3, manchmal auch 4 Stunden. Da werden wir uns
alle gut kennenlernen."
Während sie eine Schultüte an die Tafel malte und die Aufgabe erteilte, sie nachzumalen oder seine eigene aufzuzeichnen,
erzählte sie weiter:
"Wie ihr sicher schon wisst, nennt sich unsere Schule POS. Das heißt Polytechnische Oberschule,
und ihr bleibt bis zum Abschluss der 10. Klasse an dieser Schule.

Unsere Schule ist nicht in einem alten historischen Gebäude wie die anderen untergebracht. Nein, unsere Schule ist ganz
neu entstanden - für die viele Kinder hier oben im Neubaugebiet. Deshalb sind hier bei uns auch nur die 1. bis 4. Klassen - und
die 5. bis 10. Klassen haben in einer anderen Baracke in der Stadt Unterricht. Wir hoffen, dass wir in einigen Jahren ein neues
großes Schulgebäude bekommen, in dem alle Schüler Platz haben."
Frau Krämer blickte auf und sah strafend in die hintere Ecke des Klassenraumes, in der sich zwei Jungen laut zankten.
"Was ich noch vergessen habe", sagte sie, „da wir nicht mehr im Kindergarten sind, erwarte ich, dass im Unterricht Ruhe herrscht,
keiner mit seinem Nachbarn redet oder Bonbons lutscht oder anders abgelenkt ist.
Und sie machte an einigen Beispielen deutlich, was Disziplin bedeute und dass ihr Unterricht hart aber gerecht sein werde (!)
Sie sah in die Gesichter der Kinder, und mehr zu den Mädchen gewandt, fügte sie hinzu, dass aber niemand Angst zu haben
brauche und dass es erst Recht keinen Grund zum Weinen gäbe…..


Mit der Ausgabe der Stundenpläne war der erste Tag nach einer Schulstunde vorbei. Alle stürmten aus dem Klassenraum
und liefen auf ihre Verwandten zu, die draußen gewartet hatten.
"Mutti, es sind sogar welche dabei, die ich kenne", rief Alina und freute sich, in der neuen Klasse nicht ganz fremd zu sein.
Nach der Kaffeetafel, an der auch Frau Schmidt teilgenommen, nachdem sie ihre Glückwünsche zum Schulanfang
überbracht hatte, gab es einen langen Spaziergang durch die Stadt.
"Ich gehe immer wieder gern durch das Städtchen", sagte die kleine Omi.
Marie und Willi nahmen sie in die Mitte, und Alina hüpfte wie immer voraus.
Bald kamen sie zu einer alten Brücke, die über die Stepenitz führte.

2019 11 16 Auszug Nr.4b Spaziergang an der Stepenitz

Die kleine Omi hielt inne und ließ ihren Blick schweifen.
"Ach, hier ist es immer so schön!"
Zur linken Hand war das große rote Gebäude der 2. Schule, geradeaus ein paar Häuser mit vielen Blumenrabatten davor -
und zur rechten Hand schlängelte sich das Flüsschen Stepenitz, verzweigte sich sogar in kleine Arme, und in der Mitte
des Wassers gab es eine kleine Insel, auf der Schwäne wohnten. Umrahmt wurde das Ganze von der Silhouette
des nahen Kirchturmes und verschiedener Fachwerkhäuser der Altstadt, die sich jetzt in der Nachmittagssonne im Wasser
spiegelten.

2019 11 16 Auszug Nr.4c Stepenitzpanorama mit Altstadtblick

"Hier könnte ich stundenlang sein!" sagte die kleine Omi und setzte sich auf eine Bank zwischen den Rosenrabatten,
um Alina besser sehen zu können, die direkt am Wasser bei den Schwänen stand.
"Dieser kleine Hüpfer, nun geht er schon zur Schule", sagte sie und zu Marie gewandt:
"Wie willst du es machen? Willst du mittags nach Hause kommen und kochen?"
"Nein, nein", sagte Marie, "es gibt eine Schulspeisung. Das Essen kostet pro Tag 0,55 MDN (* Anmerkung siehe unten)
und die Betreuung nachmittags im Hort ist kostenlos, und Hausaufgaben machen sie auch."
"Ach, das ist ja schön, aber wenn ich hier bin, kann ich sie ja eher abholen. Wie beide sind doch immer so gern zusammen!"
Die kleine Omi stand auf, rief Alina und breitete die Arme aus. Diese kam stürmisch angelaufen und schmiegte sich der
Omi in die Arme.
"Nicht so doll! Sonst falle ich noch um!“
Alina drückte die Omi ganz fest und küsste sie auf die Wange.
"Komm, Omi, wir wollen noch durch den Hagen gehen!"
Und so gingen alle über die nächste Brücke der Stepenitz hinein in die Altstadt, durch alte Straßen mit Kopfsteinpflaster,
vorbei an Teilen der Stadtmauer mit Fachwerkhäusern und standen schließlich wieder auf einer Brücke der Stepenitz,
hinter der der Hagen begann.
Der Hagen war besonders schön zum Spazieren gehen. Das Flüsschen Stepenitz, welches durch das Städtchen fließt,
hatte sich mehrfach verzweigt, und eines der Landstücke zwischen den Wasserarmen - der Hagen- bildete eine große,
teilweise feuchte Wiese mit vielen Blumen und Pflanzen, durchschnitten von malerischen Wegen und umrandet von
großen alten Bäumen.

2019 11 16 Auszug Nr.4a Hagenwiese mit Altstadtblick

2019 11 16 Auszug Nr.4d Baumpromenade im Hagen

"Hier ein kleines Häuschen haben", schwärmte Willi, als sie den Hagen fast umrundet hatten und an einzelnen Häuschen
mit Gärten vorbei kamen.
"Was ist das für ein Gebäude mit dem großen Hof?" fragte die kleine Omi.
"Das ist der evangelische Kindergarten", sagte Marie. " Ich hatte Alina nur kurz dort, bis ich sie dann oben bei uns in
der Nähe untergebracht habe."
"Alina ist doch auch getauft", sagte die kleine Omi, „wann schickt ihr sie zur Christenlehre? Ich werde sie sonntags
öfter mal zum Gottesdienst mitnehmen, wenn ich hier bin. Und sie kann ja auch so schön singen, das wird ihr gefallen!"

Die nächsten Wochen vergingen wie im Flug.
Alina hatte sich daran gewöhnt, ein Schulkind zu sein. Sie ging gern zur Schule, besonders, da Frau Krämer eine tolle
Lehrerin war und so wunderbar erklären konnte. Das ging den meisten Kindern ebenso. Alle hingen förmlich an ihr
und gaben sich die größte Mühe, alles richtig bzw. ordentlich zu machen.
Es hatte sich auch schon ein Kern herausgebildet, der besonders gut lernte. Alina zählte auch zu diesen "Guten",
wie sie untereinander genannt wurden.
Im Fach "Musik" freute Alina sich immer, denn sie schaffte das, was die Lehrerin sonst nicht durchsetzte - alle Kinder
waren mucksmäuschenstill, wenn Alina mit ihrer zarten, leisen, ganz hohen Stimme vom Heidenröslein sang.

Nach der 4. oder 5. Schulstunde standen dann alle Kinder in einer langen Reihe vor der Küche und warteten auf
das Mittagessen. Anschließend machten die ersten und zweiten Klassen 1 1/2 Stunden Mittagsschlaf. Es gab kein Kind,
das gleich nach dem Essen nach Hause ging, denn alle Eltern arbeiteten Vollzeit und waren froh, dass ihre Kinder
gut betreut wurden.
Nach der gemeinsamen Vesper - mit warmem Milchkaffee ("Muggefug", wie alle den Kornkaffee nannten) und selbst
mitgebrachten Stullen - begann die Hausaufgabenzeit, und anschließend wurde gebastelt oder gesungen oder vorgelesen,
bis die Eltern gegen 17 Uhr zum Abholen kamen.
So verging Tag für Tag, und auf einmal war es schon Advent.

"Guten Morgen."
"Gu - ten Mor - gen, Frau Krä - mer ", antwortete die Klasse.
"Was für ein Lied wollen wir heute singen?"
"Bald nun ist Weihnachtszeit", ertönte es wie aus einem Munde.
Frau Krämer zündete so wie jeden Morgen für 5 Minuten die erste Kerze am Adventskranz an und stimmte dann
an: "Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit! Nun ist der Weihnachtsmann gar nicht mehr weit..."
Als das Lied zu Ende war und sich alle gesetzt hatten, sagte sie:
"Bevor wir heute mit dem Unterricht beginnen, möchte ich einige Punkte mit euch besprechen, zuerst eine Information für
euch: Wie ihr sicher wisst, habe ich vor kurzem eine Elternversammlung durchgeführt. Auf dieser haben wir gemeinsam
aus den Reihen eurer Eltern ein Elternaktiv gewählt. Das sind die Muttis von Jörg, von Evi, von Thomas und von Alina.
Wenn ihr Sorgen habt oder es Probleme mit der Schule gibt, wendet euch an sie, und wir alle werden gemeinsam versuchen,
sie zu lösen. Ihr wisst, wir sind EIN Klassenkollektiv - und alle helfen wir uns gegenseitig, damit jeder am Ende des
Schuljahres das Klassenziel erreicht. Gibt es dazu noch Fragen?"
Als niemand sich meldete, fuhr sie fort: "Nun zum nächsten Punkt. Ihr habt sicher schon von Ernst Thälmann gehört.
Wer war Ernst Thälmann?"
Jörg meldete sich: "Ein Kämpfer."
"Ja und wofür?"
"Für den Frieden."
"Ja, und wisst ihr auch, wann er gelebt und wofür genau Thälmann gekämpft hat?"
Stille, kein Arm ging hoch.
"Alina, weißt du es?"
"Hat es was mit den Pionieren zu tun?" Und Alina dachte an ihre ABC - Zeitung, in der Schüler als Pioniere und auch
Ernst Thälmann abgebildet waren.
"Ja, das stimmt. Ernst Thälmann war ein Freiheitskämpfer.

Er hat gegen die Nazis, gegen den Faschismus gekämpft. Bestimmt habt ihr schon mal den Satz gehört
"Wer Hindenburg wählt - wählt Hitler, wer Hitler wählt - wählt den Krieg!" Dieser Satz stammt von Ernst Thälmann.
Wir werden noch genau darüber sprechen, wenn wir den zweiten Weltkrieg behandeln. Da er ein Antifaschist war,
hat man ihn verfolgt. Er wurde im KZ Buchenwald ermordet."
Frau Krämer machte eine Pause.
"Warum spreche ich gerade heute darüber? Weil heute in einer Woche der 13. Dezember ist.
Das ist der Tag der Pionierorganisation - und das wird der Tag sein, an dem ihr alle Jungpioniere werdet.
Wisst ihr, was das Symbol der Pioniere ist?"
"Ja, Thomas?"
"Das blaue Halstuch."
"Richtig. Und ihr werdet es stolz tragen!"
"Ramona?"
"Was hat das mit Ernst Thälmann zu tun?"
"Ernst Thälmann ist euer Vorbild. Ihm zu Ehren trägt die Pionierorganisation seinen Namen."
Es herrschte Stille in der Klasse, bis Frau Krämer fortfuhr:
"Es ist für euch eine Ehre, ein Jungpionier zu werden. Erweist euch dessen würdig,
indem ihr die Gebote der Pionierorganisation beachtet."
Sie schlug die Tafel auf und begann zu schreiben:

  1. Wir Jungpioniere tragen stolz unser blaues Halstuch.
  2. Wir Jungpioniere lieben unsere Heimat, die Deutsche Demokratische Republik.
  3. Wir Jungpioniere lernen gut und sind fleißig.
  4. Wir Jungpioniere achten unsere Eltern und alle arbeitenden Menschen.

Es folgten noch weitere Gebote, insgesamt 10.
Alina las langsam Satz für Satz und versuchte, es sich einzuprägen. es war noch ziemlich schwer, denn sie hatten erst
vor kurzem das Alphabet beendet.
Frau Krämer las laut vor, die Klasse sprach im Chor nach.
"Wer kennt den Gruß der Pioniere?"
Wieder Stille.
"Ab der nächsten Woche werde ich euch morgens nicht mehr mit "Guten Morgen" begrüßen sondern mit
"Jungpioniere, seid bereit!" Und ihr werdet antworten. "Immer bereit!"
"Ist das jetzt für immer?" platzte ein Junge plötzlich heraus."
"Die Thälmann - Pioniere in der 4. Klasse haben den Gruß: "Für Frieden und Sozialismus - seid bereit!"
Und die FDJ ler ab der 8. Klasse begrüßen sich mit "Freundschaft!"

"Ihr solltet euch von jetzt an daran gewöhnen", fuhr Frau Krämer fort, „es ist eine Frage der Ehre und der Disziplin!"
Es klingelte.
Die erste Stunde war vorbei. Nun war kleine Pause, 5 Minuten lang, nicht zum Essen, aber Zeit genug,
um ein paar Worte mit seinem Banknachbarn zu wechseln und die Hefte für die nächste Stunde auszupacken.

"Hast du gestern Meister Nadelöhr geguckt? Es war ganz lustig. Pittiplatsch hat sich im Märchenwald verlaufen,
und alle Tiere des Waldes mussten ihn suchen. Nur der alte Onkel Uhu wusste, wo er war!" sagte Frank,
der Junge, der neben Alina saß.
"Nein, hab` ich nicht. Unser Fernseher ist kaputt. Dafür hat mir meine Oma was vorgelesen."
Alina dachte an den netten Abend. Die kleine Omi war wieder ein paar Tage bei ihnen, und nun hatte sie wieder abends
jemanden, der ihr was vorlas. Gestern war es besonders schön gewesen.
Mutti und Papi waren nach …… gefahren, da Oma krank war, und sie war mit der kleinen Omi allein geblieben.
Erst waren sie beide zum Gottesdienst gegangen, hatten gesungen und Geschichten vom Pastor gehört, hatten dann
einen langen Spaziergang gemacht und sich später bei Pfefferminztee aufgewärmt.

Und dann hatten sie beide in Alinas kleinem Zimmer gesessen, und die kleine Omi hatte vorgelesen und Märchen erzählt.
Später am Abend hatte Mutti noch eine große alte Kerze angezündet und selbst gebackene Plätzchen aus ihren Steintopf
im Keller geholt, und der Papi hatte mit dem Akkordeon Weihnachtslieder gespielt, bis Alina ins Bett musste.
Ach, wie schön.......!

"Ach - tung!" rief der Klassendienst. Alina schreckte aus ihren Gedanken auf.
"Frau Krämer, ich melde, 29 Schüler sind zur 2. Stunde angetreten. Marion ist krank."
"Danke. Setzt euch bitte."
Frau Krämer legte ihre Aktentasche auf einen Stuhl und schrieb ein Datum an die Tafel.
"Bevor wir nun zur Mathematik kommen, habe ich noch etwas, das euch freuen wird.
Morgen in einer Woche, am Mittwoch, wird unser nächster Gruppennachmittag sein.
Das Thema ist "Wir basteln zu Weihnachten". Es haben sich einige Muttis bereiterklärt, mit euch zu basteln, euch zu zeigen,
wie man Geschenke verpackt und noch so einiges, das ich nicht verraten möchte. Beginn ist wie immer 15.00 Uhr."
Dann klappte sie die andere Tafel auf und ging zum normalen Unterricht über.

Als Alina am Nachmittag über den Hausaufgaben saß, gingen ihr viele Fragen durch den Kopf.
Was genau war ein Antifaschist? Warum war es eine Ehre, ein Pionier zu sein????
Sie musste unbedingt Papi danach fragen.

"Alina, bist du fertig mit den Hausaufgaben?" fragte ihre Hortnerin. "Was machst du noch so lange? Mädchen,
du träumst doch schon wieder! Komm, räum` deine Sachen zusammen, wir wollen heute Weihnachtssterne basteln."
Frau Meyer gab jedem Kind Buntpapier und erklärte, wie man es falten und schneiden musste.
"Seht ihr, so wird es gemacht. Und wenn ihr ganz viele Sterne zusammen habt, könnt ihr unseren Hortraum richtig
weihnachtlich schmücken."
"Frau Meyer, wollen wir noch ein Lied singen?"
"Och, nicht schon wieder", sagten die Jungen, und die Mädchen riefen wild durcheinander:
"Guten Abend, schön Abend, es weihnachtet schon!"
"Sind die Lichter angezündet, Freude zieht durch jeden Raum..."
"Lasst uns froh und munter sein und uns recht des Lebens freu` n, lustig lustig, trallarallala, bald ist Niklausabend da!"
"Nicht alle durcheinander, Kinder, man kann ja gar nichts verstehen. Kommt, ich singe mit euch eins
vom Plätzchenbacken. Das könnt ihr dann mit euren Muttis beim Backen singen."
Frau Meyer setzte sich zu den Kindern an den großen Tisch und begann zu singen:

   " O, es riecht gut, o, es riecht fein!
     heut` rühr` n wir Teig zu Plätzchen ein.
     In der Küche riecht es lecker, gerade wie beim Zuckerbäcker.
   O, es riecht gut, o, es riecht fein!"

Nachdem sie alle 8 oder 9 Strophen gesungen hatten, las Frau Meyer noch ein Gedicht vom
"Knechtruprecht" vor:
„Draußen vom Walde da komm ich her, ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr….“ (Zitat frei nach Theodor Storm)

"Wer will, kann sich den Text aufschreiben“, sagte sie, „der Weihnachtsmann hört immer gern, wenn man ihm was vorträgt."
Alina schaute derweil aus dem Fenster. Es hatte wieder angefangen zu schneien, und sie fühlte sich so richtig
in Adventsstimmung versetzt.
Langsam begann es, dunkel zu werden, und es regte sich ihre Phantasie. Vielleicht konnte man ja mal den Nikolaus draußen
sehen, wie er abends bei den Kindern in die Fenster schaute, ob sie auch artig waren. Das jedenfalls hatte Frau Schmidt ihnen
im Kindergarten immer erzählt, und Alina war fest davon überzeugt, dass er abends aus dem Wald kam und genau wusste,
dass sie ein artiges Mädchen war (!)
Je dunkler es wurde, desto mehr Lichter gingen in den Häuserblöcken gegenüber dem Hort an.
Alina schaute immer noch aus dem Fenster und begann nun zu zählen: 2, 4, 6, 8,10, 12, 14
14 Lichter waren schon an!
Sie wusste selbst nicht, wodurch es gekommen war, aber sie musste immer irgendwas zählen - die Bäume an der Straße,
die Straßenlaternen, die Fenster, die Licht hatten..., und es musste immer eine gerade Zahl herauskommen!
Sie konnte nicht sagen, warum, aber es war so!

"Alina! Alina, du bist dran!"
"Was ist? Was soll ich machen?"
Alina drehte sich schnell um und blickte in den Raum.
"Jeder muss irgendwas vormachen, was Schönes, was er gut kann. Sing doch!
Du singst doch immer so schön!"
"Ja, wirklich?"
Alina war es wie immer peinlich, dass alle Augen auf sie gerichtet waren.
"Nun mach schon!"
"Ich habe ein neues Lied von meiner Oma gelernt", sagte sie leise.
"Es heißt Leise rieselt der Schnee."
"Nun, dann freuen wir uns, es jetzt zu hören", sagte Frau Meyer.
Alina stand auf, sah weiterhin auf die Schneeflocken vor dem Fenster und sang mit zarter hoher Stimme:

   "Leise rieselt der Schnee. Still und starr ruht der See.
     Weihnachtlich glänzet der Wald,
     freue dich, `s Christkind kommt bald!

     In den Herzen wird` s warm. Still schweigt Kummer und Harm.
     Sorge des Lebens verhallt,
     freue dich, `s Christkind kommt bald!

     Bald ist heilige Nacht. Chor der Engel erwacht.
     Hört nur, wie lieblich es hallt,
     freue dich, `s Christkind kommt bald!"

Im Hortraum war es ganz still geworden. Sogar die beiden "Rabauken" Frank und Uwe waren ruhig und machten
eine anerkennende Geste.
"Das war wunderschön, Alina", sagte Frau Meyer und etwas leiser zu ihr gewandt:
"Nur beim nächsten Mal singen wir nicht
" freue dich, `s Christkind kommt bald" sondern "freue dich, `s weihnachtet bald!"
Alina verstand nicht, warum sie das Lied nicht so singen durfte, wie ihre Omi es ihr beigebracht hatte,
doch sie sagte lieber nichts. Ihr Papi würde es ihr schon erklären….

--- Fortsetzung folgt ---

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Anmerkungen:
"MDN = Mark der deutschen Notenbank", Währung, wie sie in den 60er Jahren in der DDR üblich war

"ABC-Zeitung" - eine Zeitschrift für Schüler der 1. bis 4. Schulklassen

"Pittiplatsch, Onkel Uhu, Meister Nadelöhr" - Figuren des damaligen Kinderprograms im Fernsehen der DDR

"Jungpionier" - man trat der Pionierorganisation bereits im Dezember des 1. Schuljahres bei,
 d.h. im Alter von 6 bzw. 7 Jahren (!) ....später im 4. Schuljahr (mit 10 oder 11 Jahren) wurde man ein sogenannter
"Thälmann-Pionier".... Es gab den "Gruppenzwang" ! NICHT beizutreten wäre ein offener Affront gewesen und hätte
viele Nachteile im täglichen Schulleben aber auch im gesellschaftlichen Leben bedeutet (!)

"FDJ ler" - ab der 7. Klasse (im Alter von 13 oder 14 Jahren trat man der FDJ- Organisation (Freie Deutsche Jugend) bei,
in dieser Organisation blieb man bis zum Ende der Schulzeit, danach auch während der Ausbildung weiterhin und sogar
bis zum Abschluss des Studiums (!) - bedenkt man, dass selbst die Allerkleinsten in der Kinderkrippe (0 bis 3 Jahre) schon
eine eigene Zeitschrift - den "Bummi" hatten und darin z.b. über "Solidarität" informiert wurden und zum Spenden ihrer
Kuscheltiere an arme Länder aufgerufen wurden (!) - denn erkennt man sehr gut,
dass die "politische Ausbildung" UNUNTERBROCHEN war.
Ich selbst - auch meine Mitschüler - habe damals dieser Propaganda geglaubt - "es war ja nichts Schlechtes, anderen Kindern
etwas abzugeben" - und wir lebten im Täglichen nicht schlecht....aber die BEEINFLUSSUNG von kleinauf....die wurde
erst viel später sichtbar..... :-((

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Der oben genannte Ausschnitt ist ein
Teil aus meiner Erzählung "Die (fast) heile Welt" Teil 1 Das glückliche Kind
Alle Personen haben tatsächlich gelebt. Die Namen wurden von mir zum Schutz der Privatsphäre ausnahmslos geändert.

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